Zwieback, gepökeltes Fleisch und Sardinen können tödlich sein, vorausgesetzt, sie sind die einzigen Nahrungsmittel. Millionen von Seeleuten fielen zur Zeit der großen Entdeckungsfahrten einer unheimlichen Krankheit zum Opfer – Skorbut.

Die Geißel der Seefahrer

Das Krankheitsbild, das heute als Skorbut bekannt ist, war schon seit dem zweiten Jahrtausend v. Chr. bei den Ägyptern beobachtet worden. Zum ersten Mal wurde die Krankheit um ca. 400 v. Chr. zu Zeiten des Hippokrates genauer beschrieben.

 

Als der berühmte Seefahrer und Entdecker Vasco da Gama im Jahre 1498 als erster Mensch die Welt umsegelte, war er mehrere Monate zwischen den einzelnen Pausen auf See unterwegs. Seine Besatzung fiel nach und nach einer mysteriösen Krankheit zum Opfer. Von den 160 Menschen an Bord seiner Schiffe starben im Lauf der Zeit 100 Seeleute.

Jaques Cartier, der auf seiner zweiten Seereise 1541/1542 bei der Erforschung des St.Lorenz-Stromes mit seinen Schiffen im kanadischen Eis überwintern musste, beschrieb die Situation in seinen Logbucheinträgen folgendermaßen: „Eine unbekannte Krankheit begann sich unter uns auf die härteste Art, die je gehört oder gesehen wurde, auszubreiten. Einige verloren all ihre Kraft und konnten nicht mehr auf den Füßen stehen. Dann schwollen ihre Beine.

Ihre Muskeln schrumpften ein und wurden schwarz wie Kohle. Andere hatten ihre Haut gefleckt mit blutigen Stellen von purpurner Farbe. Dann stieg es hinauf zu den Fußknöchelchen, Schenkeln, Schultern, Arme und Nacken. Ihre Münder wurden stinkend. Ihr Zahnfleisch wurde so faul, dass alles Fleisch bis hin zu den Wurzeln der Zähne abfiel und diese beinahe alle ausfielen.

Mit solcher Ansteckungskraft breitete sich die Krankheit über unsere drei Schiffe aus, dass Mitte Februar von den einhundert Personen, die wir waren, keine zehn mehr gesund waren.“ So weit Kapitän Cartier. Lange Zeit galt die Krankheit als vollkommen unheilbar, da eine gezielte Behandlung nicht bekannt war.

Die Ernährung der Seefahrer

Zudem hing das Wohl der Seefahrer von mehreren Faktoren ab: einerseits von dem Geld, das die Königreiche, die Stifter der Flotte, zur Verfügung stellten, andererseits von den Wetterverhältnissen und der Dauer ohne Landkontakt. Durch die Sparsamkeit der Geldspender gestalteten sich die Mahlzeiten entsprechend freudlos.

Allgegenwärtig war getrocknetes Brot in der Form von Biskuit und Schiffszwieback, die noch an Land aus Weizenmehl gebacken und im trockensten Teil des Schiffes verstaut worden waren. Auf langen Fahrten wurde es trotzdem immer madig und schimmelig.

Viele Matrosen wurden daher genötigt, auf die Dunkelheit zu warten, um aus der Masse einen Brei zu fertigen, in dem sie die Maden nicht sehen mussten. Erleichterung schafften dann die Vorräte aus salzigem Mehl, das mit Wasser zu Rollen geknetet und in der Asche des Feuers gebacken wurde.

Ansonsten mussten sie sich auf der Reise mit einer Knoblauchzehe begnügen oder vielleicht mit ein wenig hartem Käse und eingelegten Sardinen. Die einzig warme Mahlzeit wurde zur Mittagszeit eingenommen. Diese bestand in der Regel aus gepökeltem Fleisch oder gepökeltem Fisch und Linsen oder Bohnen in Olivenöl.

Gekocht wurde das Fleisch oder der Fisch von Schiffsjungen, die auf Deck vorsichtig ein kleines Feuer anzündeten. Die gepökelte Form von Fleisch oder Fisch war zu dieser Zeit die einzige Möglichkeit, die Lebensmittel haltbar zu machen. Diese einseitige Ernährung begünstigte die Entstehung der so genannten Seefahrerkrankheit.

Des Rätsels Lösung

Dagegen ist bekannt, dass Christoph Kolumbus keinen einzigen Seemann auf seinen Fahrten verlor, weder durch Hunger noch durch Krankheit, aber er stellt damit eine einzigartige Ausnahme dar. Sie kann aber nur mit der geringen Dauer seiner Fahrten erklärt werden.

Auf seinen ersten drei Reisen überquerte er den Atlantik in dreißig bis vierzig Tagen, auf seiner vierten Reise brauchte er dazu nur noch drei Wochen – zu kurz, um die Mangelsymptome zu entwickeln.

Erst 1753 kam ein Arzt der britischen Marine, Dr. James Lind, auf die Idee, dass die Krankheitsfälle vielleicht mit der Ernährung zu tun haben könnten. Er gab zwölf an der Krankheit leidenden Matrosen eine Kost, die er mit verschiedenen Lebensmittel kombinierte: je zwei Männer erhielten Apfelwein, zwei Männer bekamen verdünnte Schwefelsäure, zwei Männer Essig und je zwei bekamen verdünntes Meerwasser, Orangen und Zitronen.

Der Arzt notierte genau jede Veränderung, die er bei seinen Probanden beobachten konnte. Schon nach wenigen Wochen fiel ihm auf, dass nur bei den Männern, die Zitrusfrüchte erhalten hatten, die Krankheitssymptome zurückgingen und das Zahnfleisch wieder wuchs. James Lind setzte seine Versuchsreihen fort.

In der Folgezeit erwiesen sich auch frische Kartoffeln, Sauerkraut und manche Kräuter als wirksames Mittel gegen die Krankheit. Lind informierte die Kapitäne der Navy und legte Listen mit Nahrungsmitteln aus, die an Bord der Schiffe geladen werden sollten, vor allem, wenn sie lange auf See waren.

Die Erfolge

Noch bevor er 1768 zur ersten seiner Weltumsegelungen ablegte, hatte der berühmte James Cook eine Auseinandersetzung mit seinem Schiffsarzt. Dieser hatte einen Posten von der Proviantliste gestrichen, mit der Begründung, er hielte diesen für einen Irrtum, da ein englischer Seemann niemals deutsches Sauerkraut äße.

Natürlich kamen die Fässer mit dem Sauerkraut an Bord. James Cook musste dennoch eine List anwenden, um seine Seeleute vom Sauerkraut zu überzeugen. Gleich am nächsten Tag lud er seine Matrosen in die Offiziersmesse ein – in der damaligen Zeit ein ungewöhnlicher Vorgang.

In großen Töpfen ließ er Sauerkraut auffahren. Cook schlang das Gemüse in sich hinein und trank statt Bier verdünnten Zitronensaft. Die Matrosen sahen ungläubig zu, dann fingen auch sie an zu essen. Seine Leute hielten nämlich alles für eine Delikatesse, was ihr Kapitän aß. Cook verlor auf dieser und seinen nächsten Weltumsegelungen keinen einzigen Mann durch Skorbut.

Diese Erfolge in der Seefahrt blieben aber vorerst selten. Auch die großen Skorbutepidemien auf dem Land konnten nicht verhindert werden. Besonders arme Bevölkerungsschichten hatten darunter zu leiden. Auch in Zeiten der großen Kriege traten die Symptome des Skorbuts immer wieder auf.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts gab es erste Erklärungen über die Wirkung von Sauerkraut und Zitrusfrüchten. 1919 schlug der Brite Jack Drummer vor, dieses Skorbut bekämpfende Etwas mit dem Buchstaben C zu versehen. Ein Jahr später gelingt es, C aus Zitronen zu isolieren, 1927 aus Paprika und Kohl.

Mittlerweile war auch bekannt, wie dieser Stoff, der auch als Ascorbinsäure oder Vitamin C bekannt ist und übersetzt “Vermeidung von Skorbut” bedeutet, wirkt. Die Ursache von Skorbut liegt in der Funktion dieser Ascorbinsäure.

Sie wird bei einigen Syntheseschritten während der Kollagensynthese benötigt. Fehlt das Vitamin, können einzelne Schritte dieser Synthese nur unzureichend erfolgen. Somit wird weniger Kollagen produziert und dieses besitzt nicht die notwendige Stabilität.

Dies wirkt sich insbesondere in der Haut und dem Bindegewebe aus, wodurch es zu den beschriebenen drastischen Krankheitserscheinungen kommt. Somit ist Skorbut die erste beschriebene Krankheit, die auf einer Avitaminose, also einen Vitaminmangel, zurückzuführen ist.

IFEMEDI, Institut für ernährungsmedizinische Information
Aktualisierung: 29.10.2013